Eltern und Medienkompetenz: „Vertrauen Sie Ihren erzieherischen Fähigkeiten. Und Ihren Kindern!“

Thomas Feibel bei seinem Vortrag zur Medienkompetenz im Forum M in AachenFacebook, Killerspiele, Internetsucht – wir mahnen, warnen und haben Angst. Besonders um unsere eigenen Kinder. In Wahrheit sind sie aber die digital natives: Technisch stecken sie uns digital immigrants locker in die Tasche! Aber keine Sorge: Was die sonstigen Kompetenzen angeht, sind wir Eltern immer noch verdammt wichtig, beruhigt uns Medienexperte und Journalist Thomas Feibel.

Das Praxisnetz der Kinder- und Jugendärzte der StädteRegion Aachen lud im November 2013 zusammen mit der Mayerschen Buchhandlung ins Forum M, um Feibel und seinem Vortrag zu Medienkompetenz und Mediengesundheit zu lauschen. Kindheit 2.0 – Facebook, Killerspiele und Internetsucht. Wieviel Medien sind gesund? Gut, dass sich im Laufe des Abends herausstellen wird, dass der Titel bewusst reißerisch gewählt war.

Feibel ist selbst Vater und leitet das Büro für Kindermedien in Berlin. Er publiziert unter anderem für Stiftung Warentest, c’t, Spiegel online oder Die Zeit. Seit etwa 1995 befasst er sich mit Spielesoftware für Kinder und damit einhergehend mit dem Thema der Medienkompetenz. Feibel ist Autor des etablierten Standardwerks „Der Kinder-Software-Ratgeber“ und zahlreicher Sach-, Kinder- und Jugendbücher, zu denen auch sein Facebook-Roman „Like me“ gehört. „Schön, dass so viele Menschen gekommen sind“, eröffnet er vor etwa 150 Zuhörern den Vortrag, „aber mit so einem Titel funktioniert das auch besser, als nur mit dem Begriff ‘Medienkompetenz’.“

Wie kompetent sind wir selbst?

Nach einer kurzen persönlichen und medizinischen Einführung durch die Aachener Kinderärzte Dr. Claus Pfannenstiel und Dr. Klaus Reddemann wird schnell klar, dass dieser Vortrag nicht unbedingt das ist, was man zu diesem Thema erwarten würde. Kein erhobener Zeigefinger, keine Scharfmacherei, keine Verteufelungen, sondern ein zeitgemäßer Ansatz, ein Umgang, der auf dem gesunden Menschenverstand basiert, kurz: ein Appell an unser Selbstvertrauen als Eltern. Denn die Frage der Medienkompetenz unserer Kinder ist eigentlich eine Frage unserer eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Neuen Medien und unseren Kindern.

„Was würden Sie tun? Sie wissen es nicht? Woher sollen es dann Ihre Kinder wissen?“Thomas Feibel

Feibel zitiert zunächst eine Gewaltszene voller Folter und Mord, die sich als Szene aus Sartres Schmutzige Hände entpuppt. „Gehen Sie jetzt nicht mehr ins Theater?“ Dem Publikum Fragen zu stellen, zur Reflexion anregen, ist ein roter Faden, den Feibel an diesem Abend spinnt. „Was würden Sie tun? Sie wissen es nicht? Woher sollen es dann Ihre Kinder wissen?“ Oder „Wissen wir, dass Gewalt Teil unserer Kultur ist? Also auch Teil der Jugendkultur?“ Oder „Waren wir denn früher anders? Blödsinn haben wir schließlich alle gemacht!“ Die heutigen Streiche seien eben in anderer Form möglich und verbunden mit anderen Konsequenzen. Über diese neuen Gefahren, etwa die durch das Internet deutlich vergrößerte Reichweite, könne und müsse man Kinder doch genauso aufklären und erziehen.

Thomas Feibel leistet dahingehend Hilfestellung: unter anderem mit dem Stiftung-Warentest-Ratgeber Kindheit 2.0 – So können Eltern Medienkompetenz vermitteln. ‘Medienkompetenz’, das heißt heute, dass auch Eltern mit den Möglichkeiten, den Gefahren und vor allem im Umgang mit Fernsehen, Computer- und Konsolenspielen, mobiler Kommunikation und dem Internet vertraut sein müssen. Im Vorwort seines Ratgebers sagt Feibel: „Viele Erwachsene reagieren mit großer Unsicherheit, Angst, Hilflosigkeit oder Ablehnung. Selbst die Kinder und Jugendlichen spüren ein gewisses Unbehagen, auch wenn sie das nicht immer in Worte fassen können. Wenn Eltern nicht mehr mithalten können, bröckelt der Schutz.“ Bedeutet: Auch wir Eltern müssen in vielen Fällen erst lernen, bevor wir unseren Kindern die richtigen Werkzeuge an die Hand geben können. Entsprechend ist sein Buch mit Anregungen und Tipps gespickt, die uns Eltern die Neuen Medien in einem pädagogischen Kontext näher bringen (angenehm: Auch hier wird auf den erhobenen Zeigefinger verzichtet!). Zum Teil, indem es unseren eigenen Umgang mit ihnen hinterfragt. Was Feibel auch immer wieder in seinem Vortrag macht. „Erziehung fängt bei uns selbst an!“, ist das Credo, das er an diesem Abend nicht müde wird, zu betonen.

Sind wir vorbildlich genug?

Dabei gelte es zu beachten, „dass jeder Mensch, jedes Kind natürlich einzigartig ist.“ Eine Formel, in welchem Alter man wie viel „Bildschirmzeit“ zulässt, gebe es nicht. Eine Einschätzung erfolge einfach durch Beobachtung und Kommunikation. Nicht nur in diesem Zusammenhang zitiert Feibel oft den Schweizer Kinderarzt und Buchautor Remo H. Largo.

„Die meisten erzieherischen Probleme entstehen dadurch, dass die Erziehungsvorstellungen der Eltern nicht mit den Bedürfnissen und den Eigenheiten ihrer Kinder übereinstimmen.“Remo H. Largo

Dieser hat unter anderem mit seiner Langzeitstudie über kindliche Entwicklung international große Beachtung gefunden; seine populär-wissenschaftlichen Fachbücher (u.a. Babyjahre – Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht, Kinderjahre – Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung) sind Bestseller. Largo warnt vor der Pauschalisierung kindlicher Entwicklung und macht sich für die individuelle Betrachtung jedes Kindes und seiner Entwicklung stark. In Kinderjahre heißt es etwa: „Die meisten erzieherischen Probleme entstehen dadurch, dass die Erziehungsvorstellungen der Eltern nicht mit den Bedürfnissen und den Eigenheiten ihrer Kinder übereinstimmen.“ Die Vielfalt kindlicher Entwicklung und Verhaltens sei nun mal natürlich; sie zu akzeptieren helfe dabei, so manches erzieherische Problem zu lösen oder es gar nicht erst aufkommen zu lassen. Auch hier müssten wir also noch lernen. Sehen wir genau genug hin, wenn es um die Bedürfnisse unserer Kinder geht?

Immer wieder verweist Feibel auf die grundsätzliche Erziehungsarbeit, unabhängig von der Problemstellung: „Wir sind immer noch Vorbilder!“ Er spricht von Doppelmoral, wenn das Kind für die längere Autofahrt ‘ausnahmsweise’ den Gameboy in die Hand bekommt oder wenn ‘nur noch eine Viertelstunde’ Fernsehen geschaut werden darf, man aber vergisst, die Zeit zu kontrollieren, weil man sie selbst beim Surfen durchs Netz vergessen hat und dann dem Kind vorwirft, es sei unzuverlässig. Er spricht von ‘age compression’ und meint: Kinder werden immer früher erwachsen. Nicht biologisch, sondern dahingehend, dass das Spielzeug immer früher aus dem Kinderzimmer verschwindet und durch Technik ersetzt wird. Und wieder: „Erziehung fängt bei uns selbst an!“

Haben wir genug Vertrauen?

„Das Internet bietet Kindern und Jugendlichen bisher nie dagewesene Möglichkeiten der Partizipation – warum also die Kinder nicht auch am Lernprozess aktiv teilhaben lassen?“, wirft Thomas Feibel eine weitere rhetorische Frage in den Raum. Wichtig seien klare Ansagen, etwa in Bezug auf persönliche Daten: „Dieser Begriff der ‘persönlichen Daten’ ist einfach schwammig. Kinder, die alt genug sind, ins Internet zu gehen, verstehen auch, wenn man offen mit Ihnen redet: Gib weder Deine Adresse noch Deine Telefonnummer raus, rede nicht über Sex und verabrede Dich nicht dazu.“ Es ist an uns, einzuschätzen, was unsere Kinder wann brauchen: Schutz, Vertrauen, Freiheiten oder auch die Übertragung von Verantwortung.

„Lassen Sie sich nicht kirre machen. Verlassen Sie sich ruhig auf Ihren gesunden Menschenverstand. Autorität bedeutet auch Halt, Güte und Verständnis.“Thomas Feibel

Thomas Feibels Vortrag im Forum M ist erfrischend. Weil Feibel nicht mit erhobenem Zeigefinger mahnt, sondern Mut macht. Weil da endlich jemand unverkrampft über Neue Medien spricht und ihnen positiv gegenüber steht. Weil Feibel bei allem Mutmachen die Gefahren um Gewalt und Sucht dabei keinesfalls verharmlost: „Was war der erste Film, den Sie als Kind gesehen haben, der Ihnen so richtig Angst gemacht hat? Merken Sie das? Dieses ungute Gefühl ist sofort wieder da! Die Angst, die Spannung – das macht schon was mit der Seele …“

Thomas Feibels Vortrag tut uns Eltern und unseren Kindern gut, weil er bei aller Notwendigkeit vor allem für Vertrauen wirbt: Vertrauen in unsere eigenen erzieherischen Fähigkeiten und in unsere Kinder. „Lassen Sie sich nicht kirre machen. Verlassen Sie sich ruhig auf Ihren gesunden Menschenverstand. Autorität bedeutet auch Halt, Güte und Verständnis.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der KingKalli-Ausgabe April/ Mai ’14.
Christian machte 15 Jahre lang Musik, nahm Platten auf und tourte durch Europa. Zwischendurch studierte er und nahm die ersten Texterjobs an. Jetzt ist er freier Texter, Autor und Redakteur für Kommunikationsagenturen und Verlage, für Zeitschriften und Magazine, für die öffentliche Hand und Direktkunden, online und offline. Er mag Rhythmus und Prägnanz, Melodie und Relevanz. In Headline, Copy oder Redaktion, im Storytelling und relevantem Content. textass hold 'em.

Ein Gedanke zu “Eltern und Medienkompetenz: „Vertrauen Sie Ihren erzieherischen Fähigkeiten. Und Ihren Kindern!“

  1. Hallo zusammen,

    Ich studiere an der Universität Landau den Studiengang Erziehungswissenschaft und schreibe zurzeit an meiner Diplomarbeit.

    Hierzu habe ich einen Online-Fragebogen zum Thema Erziehungs- und Medienerziehungsstile entworfen. Ich suche Eltern, deren Kinder zwischen 9 und 16 Jahre sind.

    Vielleicht habt ihr ja ca. 15 Minuten Zeit und nehmt an meiner Studie teil, es würde mich sehr freuen.

    Zum Fragebogen, einfach hier klicken:

    https://umfrage.uni-landau.de/limesurvey/index.php/595297/lang-de

    (Den Link dürfen Sie gerne verbreiten, je mehr Teilnehmer, desto repräsentativer die Studie)

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