Foo Fighters con tutti, oder: Clubsterben in Aachen

In Aachen stirbt derzeit ein Club nach dem anderen, in Moorpark, Kalifornien, spielen die Foo Fighters in einer Pizzeria. Volles Set. Volle Pulle. Das Ordnungsamt Aachen hätte wohl im Innenministerium um militärische Unterstützung gebeten, hätte ein derartiger Gig in der Aachener Innenstadt stattgefunden. Aber so etwas wird wohl nicht mehr passieren. 

Die Show im Rock & Roll Pizza in Moorpark in Kalifornien war ein warm-up-Gig für die Mexiko-Tour der Band und soll rund zweieinhalb Stunden gedauert haben. Die Foo Fighters con tutti. Zwar ist die Pizzeria tatsächlich auch ein live-Club mit regelmäßigen Shows, die Stadionbeschallung durch eine energetische und dynamische Band wie diese dürfte trotzdem ein außergewöhnliches Ereignis gewesen sein.

Und diese stadionerprobte, welterfolgsverwöhnte, sympathische Supergroup aus Musikern von Nirvana, den Germs, Sunny Day Real Estate, Alanis Morissette und No Use For A Name wärmt sich für ihre Mexiko-Tour mit einer Show in einer kleinen Pizzeria auf. Das ist erwähnenswert. Denn gleichzeitig sterben anderswo gerade Clubs in den Innenstädten, werden an den Stadtrand gedrängt oder durch Großraumschuppen ersetzt. Zum Beispiel bei uns in Aachen.

Fehlende Weitsicht und Existenzängste

In Aachen haben vermutlich Unvernunft (etwa die Missachtung von Auflagen des Ordnungsamtes) und Unvermögen (das berühmte falsche Pferd,  einfach kaufmännische Defizite usw.), aber z.B. auch aktuell die Nebenerscheinungen des Nichtrauchergesetzes dazu geführt, dass die Clublandschaft seit Jahren schrumpft. Abgesehen von nur noch wenigen Exoten scheinen die großräumigen Mainstream-Läden die einzigen zu sein, die nicht um die Existenz bangen müssen. Die Vielfalt leidet darunter deutlich.

Immer mehr Jazz- oder Indie-Clubs verschwinden – der altehrwürdige Malteserkeller, das herrlich ranzige Hauptquartier, in wenigen Monaten folgen auch der Jakobshof oder das Aoxomoxoa. Ein weiteres Beispiel führt auch Richard Mariaux, Musikredakteur und -veranstalter in Aachen, sehr schön an: Das Last Exit, Kneipe und Veranstaltungsort direkt neben dem Mörgens-Theater gelegen. Eine Gastronomie mit Tradition und Außenbereich, die jegliche Konzerte und Partys verboten bekam, weil sich auch hier Anwohner wiederholt über Lärmbelästigung beschwert hatten. Die Außengastronomie ist aber Teil des Konzepts und überaus beliebt; Inhaber Marcus Loos fürchtet um nichts weniger als seine Existenz.

Der Musikbunker bringt das Fass zum Überlaufen

Jüngstes Beispiel ist jedoch der Musikbunker Aachen, der nicht nur Proberäume stellt, sondern auch Konzerte und Partys veranstaltet. Erst machte die Nachricht die Runde, der Bunker solle verkauft werden, was vermutlich dem Abriss gleichkäme. Es folgte ein Protest der Grünen im Aachener Stadtrat, kurz danach die Verlautbarung, das Aachener Verwaltungsgericht untersage Veranstaltungen im Musikbunker. Damit gibt es der Klage einer Anwohnerin Recht, die sich über die Lärmbelästigung durch Besucher der Veranstaltung beschwerte. Das Urteil ist zwar mittlerweile relativiert; es dürfen Veranstaltungen stattfinden, jedoch nur mit stark limitierter Teilnehmerzahl. Und Betreiber und Anwohner sind wohl aufeinander zugegangen und denken über eine Verlegung des Eingangsbereichs in den hinteren Teil des Bunkers. Zudem hat der Bunker sein Publikum noch mehr in die Pflicht genommen und erneut deutlich darauf hingewiesen, wie ernst die Situation nun ist.

Auch wenn der Appell bei den meisten ankommen dürfte, ganz verhindern lässt sich ein gewisser Lärm wohl nicht. Wie es hier weitergeht, ist genauso nebulös wie die gesamte Lage der Clublandschaft in Aachen. Denn die bestehenden Musikschuppen haben – wie der Musikbunker – mindestens Ärger mit Nachbarn, die sich wegen Lärms beschweren. War früher vor allem der Lärm durch die Gäste vor und nach der Veranstaltung gemeint, scheinen heute zudem die Raucher sehr gelegen zu kommen.

Partymeile mit Ballermann-Charakter muss reichen

Dass in einer Studentenstadt wie Aachen die Beschwerden wegen Lärmbelästigung eine immer größere Lobby haben, dürfte nicht nur an der allgemeinen Partykultur des Komasaufens und den damit verbundenen Nebenerscheinungen liegen. Auf Seiten der Clubbetreiber sind wohl ebenso Fehler passiert, wie auf Verwaltungsebene. So mutierte etwa die Pontstrasse mit ihren vielen Cafés, Kneipen und Clubs im Laufe der Jahre zur innerstädtischen Partymeile mit Ballermann-Charakter. In der allgemeinen Wahrnehmung wird diese als nicht gerade beliebte, aber daher als ausreichende Tummelwiese feierwütigen Studentenvolks angesehen. Und die im Zuge dessen mehrfach erwogene Alkoholbeschränkung rund ums Ponttor spielt den Rufen nach der Verlagerung der Großraumdiskotheken in Außenbezirke und Industriegebiete in die Karten.

Zahlreiche gut laufende Partyreihen, bei denen es tatsächlich noch um Musik aus den verschiedensten Genres geht, drohen wegzufallen. Auftrittsorte für Bands können nur schwer am Laufen gehalten werden. Kulturelle Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten dezimieren sich in einer Region, die sich „Euregio“ nennt und sich als grenzüberschreitender Schmelztiegel kultureller Vielfalt versteht. Städte wie Aachen, die sich durch die regionale Nähe zu Köln und Düsseldorf eh schwer tun mit medien- und publikumswirksamen Acts, berauben sich der Alternativ-Kultur, die so wichtig für die Identität ist. Richard Mariaux vermutet hinter dieser Maßnahme „Last Exil“ ein Exempel, das es zu statuieren galt. Aachen schafft aktiv die Clubkultur ab, indem die Stadtverwaltung an den entscheidenden Stellen passiv bleibt. Oder?

Eine Stadt kommt in Bewegung

Nach massiver Unterstützung des Aachener Publikums in Sachen Musikbunker, gerade auf Facebook, suchte die Stadt das Gespräch mit den Anwohnern. Zudem sicherte sie Lars Templin, Geschäftsführer des Vereins Musikbunker, ihre Unterstützung zu. Oberbürgermeister Marcel Philipp hat mittlerweile „Vertreter der Club- und Eventgastronomie“, wie es in der Pressemitteilung der Stadt heißt, zu einem Gespräch am 13. Februar im Rathaus eingeladen. „Ziel des Gespräches ist es, bestehende Probleme zu identifizieren und gemeinsam Lösungswege zu finden.“, heißt es da weiter. Eine ganze Stadt scheint endlich erkannt zu haben, was auf dem Spiel steht. Wird das etwas ändern?

Vielleicht lässt sich eine Entwicklung am 24. Mai einschätzen, wenn es auf die Strasse geht: „Macht mal Lärm in dieser Stadt – für den Erhalt des FREIEN Aachener Kulturbetriebs“ heißt die Veranstaltung, die Kristof Mittelstädt auf die Beine gestellt hat. Mittelstädt ist selbst Musiker und somit einer aus der Mitte der „Betroffenen“. Die er alle hinter sich vereint und zu vielen Aktionen aufruft, die auf das Problem des Clubsterbens aufmerksam machen sollen. Und darauf, dass es hier Menschen gibt, die das so nicht hinnehmen möchten. Menschen, die keine saufenden und pöbelnden Proleten sind, die im Fokus der  Beschwerden und Klagen stehen. Und am 24. Mai soll es eine große Abschlussdemo geben. Die Resonanz ist überwältigend, nicht zuletzt auf diesen Druck hin zeigen sich die Beteiligten aller Fraktionen am Schicksal der Aachener Clubkultur wieder interessiert.

Interessant dazu übrigens die Beobachtungen und Anmerkungen von Tim Becker zum Musikbunker, die er laufend aktualisiert.

Clubsterben in Aachen – eins von vielen Beispielen. Was wiederum bedeutet, dass diese Städte nie in solch einen exquisiten Genuss kommen werden, wie diese wunderbare Rock & Roll Pizzeria. Vergleichen wir hier Äpfel mit Birnen? Schwer zu sagen, wenn wir diese Obstbäume ohnehin abholzen. Anders gesagt: Wenn sich nichts grundsätzlich ändert, berauben wir uns solch einzigartiger Möglichkeiten, die uns Bands wie die Foo Fighters gar nicht mehr geben müssten – und es trotzdem tun. Ganz zu schweigen vom großartigen Band-Nachwuchs, der sich auch gerade in Deutschland hervortut. Auch in Musikbunkern wie dem unseren in Aachen.

UPDATE: Interessante Links in diesem Zusammenhang sind wie bereits erwähnt das Blog von Tim Becker, der sich dieses Themas verschrieben hat und auch die Beiträge von Journalist Marcus Erberich, der u.a. mal geschaut hat, wie und ob es Proteste aus dem Internet auf die Strasse geschafft haben.
Christian machte 15 Jahre lang Musik, nahm Platten auf und tourte durch Europa. Zwischendurch studierte er und nahm die ersten Texterjobs an. Jetzt ist er freier Texter, Autor und Redakteur für Kommunikationsagenturen und Verlage, für Zeitschriften und Magazine, für die öffentliche Hand und Direktkunden, online und offline. Er mag Rhythmus und Prägnanz, Melodie und Relevanz. In Headline, Copy oder Redaktion, im Storytelling und relevantem Content. textass hold 'em.

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