Väterstammtisch Aachen – „Ja, es gibt auch Väter!“

Der Väterstammtisch Aachen - (c) Christian Dang-anhEin Väterstammtisch mag zunächst nach gemeinsamem Bundesliga schauen klingen, mit Bier und Witzchen, um dem nervigen Windelalltag zu entkommen. Ein Besuch des Väterstammtisches Aachen zeugt aber vom Gegenteil: Es geht in erster Linie um Väter-relevante Themen aus allen Bereichen, um den Austausch von Erfahrungen und auch Meinungen. Da darf natürlich auch Fußball vorkommen.

„Hallo, ich bin David“, begrüßt mich ein Vater Ende 20 noch draußen vor der Tür. Auch ich bin Vater und zur Kita Pusteblume des Studentenwerks Aachen gefahren, um mir ein Bild zu machen, von einem Väterstammtisch, der dort an jedem ersten Dienstag im Monat stattfindet. Wer nimmt an so was teil, worum geht es da und wie läuft das da eigentlich ab? Muss ich mir eine Art Selbsthilfegruppe vorstellen? Oder Frustbewältigung durch ausgelebte Klischees? David schüttelt mir die Hand und heißt mich willkommen. Ich fühle mich schon wohl, bevor ich weiß warum.

Eigentlich sollte der Aufhänger für dieses Thema ein Väterworkshop an der RWTH sein. Deren Gleichstellungsbeauftragter Philipp Schaps hatte diesen organisiert, um zu verschiedenen Themen rund um Studium und Vaterschaft zu erarbeiten. Eine Woche vor der Veranstaltung ruft Schaps an, um mir abzusagen: Der Workshop komme wegen zu weniger Anmeldungen nicht zustande. Was denn jetzt? Sind Väter am Austausch von Infos und Erfahrungen wirklich interessiert? Oder gibt es gar so etwas wie Scheu? Wieso dann ein regelmäßiger Väterstammtisch?

Von Baby-Erstkontakten und Scheidungssituationen

Ok, es gibt Bier. Das sei aber nun wirklich nicht immer so, sagt mir die Gruppe. Diese besteht aus Charakteren mit unterschiedlichen Hintergründen: Mediziner, Ingenieure, Studenten und nicht-Akademiker sitzen da und unterhalten sich. Allen gemeinsam ist, dass sie relativ frische Väter sind, von wenigen Monaten bis ca. zwei Jahren ist alles dabei. Aber auch diese Konstellation sei heute Zufall und kein Kriterium. Kurz: In dieser Gruppe ist jeder Vater willkommen.

Und jedes Thema, das Väter interessiert. „Da kann es natürlich auch mal um Fußball gehen“, verrät David, um jenes Klischee zu bemühen. Doch hauptsächlich drehe es sich um Väter-relevante Themen: Rechte und Pflichten, Begleitumstände und Möglichkeiten. Und natürlich sind die Kinder selbst oft Mittelpunkt des Interesses: „Christian beispielsweise“, erklärt Michael, „kam als werdender Vater wenige Wochen vor der Geburt seines ersten Kindes zum ersten Mal hierhin.“ Um sich mal umzuhören, was ihn so erwarte, ergänzt Christian selbst. Das habe er hier als ganz angenehm empfunden, da er auf offene Ohren gestoßen sei. Und überhaupt liefen diese Treffen nicht so ab, wie man sich Stammtische im Allgemeinen vorstelle. „Stammtisch hieß bei uns auf dem Dorf, an der Theke zu sitzen und zu trinken“, sagt etwa Philipp. Andere kennen ‘Stammtische’ auch als regelmäßige (Business-)Meetings die Arbeit betreffend. Dieser hier bewegt sich außerhalb dieser Dimensionen: deutlich weniger Phrasendrescherei, deutlich persönlicher.

Der Väterstammtisch Aachen - (c) Christian Dang-anhLetztlich war es ein logischer Schritt zum Väterstammtisch. Philipp Schaps und David Manamayil hatten sich schon früher lose Gedanken gemacht; „Ich kenne regelmäßige Stammtische von der Friedrich-Ebert-Stiftung“, sagt Manamayil, „vielleicht sind wir auch deshalb irgendwann auf die Idee gekommen.“ Eine mehr zufällige Unterhaltung auf dem Flohmarkt der Kita Pusteblume zwischen Gabriele Schneider und David Manamayil gab den letzten Ausschlag. Schneider ist die Leiterin der Kita, die daraufhin Schaps zu einem Elternfrühstück einlud. Dort stellt er das Projekt ‘Väterarbeit’ der RWTH Aachen vor, an dem er maßgeblich mitarbeitet, woraufhin kurzerhand beschlossen wurde, den Väterstammtisch ins Leben zu rufen. Die Kita als Treffpunkt wurde gleich mit beschlossen.

„Ich nenne unser Treffen ja immer meine ‘Selbsthilfegruppe’“, witzelt Jens. Alle schmunzeln ein wenig, denn auch wenn es eingangs vielleicht so klingt, der Väterstammtisch ist keine klassische Selbsthilfegruppe. „Es gab mal bei der VHS ein Angebot, bei dem Väter in Trennungs- oder Scheidungssituationen Rat und Hilfe bekamen“, erzählt Philipp. „Ich weiß zwar nicht mehr, ob die VHS dieses Angebot wirklich ‘Selbsthilfegruppe’ nannte, aber es gab dort einen Coach oder Moderator.

„Ja, es gibt auch Väter!“, wirft David ein und meint das gar nicht zynisch.
Das ging eher in eine solche Richtung.“ Väter in Trennungs- oder Scheidungssituation? Schon läuft das nächste Thema: Welche Rechte haben Väter, wenn sie und die Mutter ihres Kindes sich trennen, verheiratet oder nicht? Jemand erwähnt, dass die EU schon lange angemahnt habe, dass Deutschland in dieser Hinsicht etwas ändern müsse, was vor kurzem auch geschehen sei: Unverheiratete Väter bekamen mehr Rechte eingeräumt. Wieder jemand erzählt, es gebe in seinem Bekanntenkreis zwei Väter, die ihre Kinder nur sehen könnten, wenn es die Mütter erlauben. Interessant sei also durchaus, wo es in solchen Fällen Anlaufstellen gebe. „Ja, es gibt auch Väter!“, wirft David ein und meint das gar nicht zynisch.

Austausch gibt Sicherheit

„Ja, es gibt ein Bedürfnis nach dem regelmäßigen Stammtisch und anderen Formen des Austauschs“, hatte mir Philipp Schaps im Vorfeld erklärt. Das habe er schon im Laufe seines Studiums erleben können. Schaps arbeitete als studentische Hilfskraft im Gleichstellungsbüro der RWTH, als dieses gegen Ende seines Studiums „über das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung NRW eine Projektförderung beantragt“ und auch bewilligt bekommt. Damit habe die RWTH bzw. das Gleichstellungsbüro in die Tat umsetzen können, was ihnen schon lange vorgeschwebt war: mehr Angebote für Männer bzw. Väter. „Zum einen weil Gleichstellungsarbeit eben nicht mehr nur Frauenförderung ist“, führt Schaps weiter aus, „und andererseits, weil die RWTH eben auch eine Hochschule mit sehr vielen Männern und daher auch Vätern ist.“ In den letzten Jahren sei etwa durch die Erfahrungen der Familienberaterinnen deutlich geworden, dass auch diese Gruppe Ansprache und Unterstützung bedarf. „Außerdem haben wir Väterarbeit auch stets als Gleichstellungsarbeit begriffen, weil wir damit zu einer Auflösung starrer Geschlechterrollen und deren Folgen beitragen wollen.“ Ein ‘Arbeitskreis Väter’ wurde eingerichtet, der sich – über die RWTH hinaus – sofort großer Beliebtheit und großen Interesses erfreute.

Der jetzige Väterstammtisch sei immer gut besucht, bestätigen mir auch die Anwesenden. „In den Sommermonaten waren zum Teil über zwanzig Leute hier“, was der lockeren Gesprächsatmosphäre keinen Abbruch getan hätte. Auch wenn die Zahlen schwankten, das grundsätzliche Interesse ebbe nie ab, wie Unterhaltungen allein in den Freundes- und Bekanntenkreisen der Stammtischteilnehmer zeigen würden. „Und normalerweise sind wir immer mindestens acht bis zehn Väter hier“, ergänzt Jens.

Philipp erzählt dann von einem bundesweiten Projekt, das er im Zuge seiner Väterarbeit an der RWTH kennengelernt hat. „Es vermittelt geschiedenen Vätern Schlafplätze in der Stadt, in der sie ihre Kinder besuchen.“ Eine Hilfe für jene, die nicht im selben Ort wohnen und sich nicht jedes Mal ein Hotelzimmer leisten können. In der Gruppe hatte niemand vorher von dem Projekt gehört, vermutlich, weil keiner der an diesem Abend Anwesenden in Trennung lebt. „Gut zu wissen“, lässt sich trotzdem hier und da vernehmen. Einige haben Freunde oder Bekannte, denen sie vielleicht mit der ein oder anderen Information aus dem Stammtisch behilflich sein könnten. „Ich wusste, dass es Einrichtungen gibt, die Spielzimmer für Väter und ihre Kinder anbieten, wo ansonsten ein Hotelzimmer herhalten müsste“, wirft noch jemand ein.

Der Väterstammtisch Aachen - (c) Christian Dang-anhIrgendwann sind wir bei Babythemen angelangt. Jemand habe sich dem Stammtisch angeboten, so Philipp, beim „Übersetzen“ von Babysprache behilflich zu sein – vorsprachliche Laute und Gesten deuten, die Kommunikation zwischen Baby und Eltern erleichtern. Das Angebot wird unterschiedlich aufgenommen: „Braucht man so was?“, „bei Schreibabys bestimmt hilfreich“, „jedes Kind ist doch eh anders.“ Beispielsweise beim Fallen. Drei Väter erzählen, wie ihre Kinder sich verhalten, wenn sie fallen, wie sie sich abfangen, wenn überhaupt, oder wie sie einen Sturz verarbeiten. Es sind drei völlig unterschiedliche Beschreibungen, und in keiner kommt eine schlimme Verletzung vor. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend habe ich das Gefühl, dass sich die Teilnehmer des Väterstammtisches deshalb hier wohlfühlen, weil es hier Sicherheiten zu finden gibt.

Vater sein: keine Einschränkung, sondern Bereicherung

Vater zu sein ist für alle Teilnehmer des Stammtisches etwas Besonderes, so mein Eindruck. Weil es nun mal bedeutet, jeden Tag etwas Neues zu erleben, was aufregend ist und gleichzeitig eine Herausforderung. Die Idee, sich ihr mithilfe eines regelmäßigen Erfahrungsaustauschs zu stellen, ist daher gar nicht abwegig. Auch nicht für Väter. Die fühlen sich nämlich heutzutage auch als Väter und nicht nur als Erzeuger, wie wir an diesem Abend noch diskutieren. „Väter nehmen doch ihre Rolle heute viel bewusster an, als noch zu Großvaters Zeiten“, sagt etwa Michael. Was vielleicht daran liege, dass die Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzen, heute viel bewusster gefällt werde, erörtert die Gruppe. „Die Lebensplanung ist nicht mehr so stark vorgezeichnet; es gibt heute ja Alternativen zum klassischen Ausbildung-Job-Heiraten-Kinder-kriegen“, wirft noch jemand ein. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stehe heute mehr denn je im Mittelpunkt – auch für Väter. Ich wundere mich also nicht, als alle Väter meine Frage, ob sie denn auch in Elternzeit gegangen sind, ausnahmslos bejahen.

„Entschuldigt, Augenblick …“ Philipp unterbricht und greift nach seinem Handy, um die SMS zu lesen, die ihn gerade erreicht hat. „84. Minute, 2:1 HSV. Verdammt!“ Damit ist der FC aus Köln so gut wie ausgeschieden aus dem diesjährigen DFB-Pokal. Unter großem Hallo der anderen pfeffert er das Handy in die Ecke. Gemeinsam gewinnen, gemeinsam verlieren. Fußball ist immer noch wichtig. Auch für Väter. Das war sicher nicht mein letzter Besuch beim Väterstammtisch Aachen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der KingKalli-Ausgabe Feb./ Mrz. ’14. Ich war tatsächlich skeptisch vor meinem ersten Besuch des Väterstammtischs, auch wenn ich die Bundesliga mag. Mittlerweile gehe ich regelmäßig hin.
Christian machte 15 Jahre lang Musik, nahm Platten auf und tourte durch Europa. Zwischendurch studierte er und nahm die ersten Texterjobs an. Jetzt ist er freier Texter, Autor und Redakteur für Kommunikationsagenturen und Verlage, für Zeitschriften und Magazine, für die öffentliche Hand und Direktkunden, online und offline. Er mag Rhythmus und Prägnanz, Melodie und Relevanz. In Headline, Copy oder Redaktion, im Storytelling und relevantem Content. textass hold 'em.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.