Schuleingangsuntersuchung: „Alle Kinder kommen in die Schule!“

Auf dem Weg zur Schule
Foto: Paul-Georg Meister/ pixelio.de

Das schulärztliche Gutachten wird oft als Test bezeichnet – und als solcher mit einem gewissen Druck wahrgenommen. Kann mein Kind auch alles, was es können muss? Muss ich mit ihm vorher bestimmte Dinge üben? Was passiert, wenn es durchfällt? „Keine Angst“, sagt Dr. Gabriele Trost-Brinkhues vom Gesundheitsamt der StädteRegion Aachen, „wir wollen nur helfen!“

„Um Himmels Willen, das ist kein Test, bei dem Kinder durchfallen können!“, sprudelt es aus der Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, angesprochen auf die Schuleingangsuntersuchung. Gabriele Trost-Brinkhues ist die Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes Aachen und seit beinahe 30 Jahren Spezialistin für kindliche Entwicklung. „Diese Untersuchung ist ein Screening, bei dem wir schauen, wo das Kind in seiner natürlichen Entwicklung Schwierigkeiten haben könnte und welche Hilfen wir geben können“, so Trost-Brinkhues weiter. Angst sei völlig unangebracht und sogar kontraproduktiv, „denn die Sorge der Eltern überträgt sich auf die Kinder, die dann verkrampfen.“

Bei der Schulanmeldung, für die die Eltern für ihr Kind je nach Wohnort spätestens bis zum 15. November des Jahres vor der Einschulung eine Einladung vom Schulamt erhalten haben, wird meist auch gleich der Termin zur Schuleingangsuntersuchung vergeben. Diese findet in der Regel in den sechs Monaten vor der Einschulung statt. Es besteht auch die Möglichkeit, sein Kind vorzeitig einzuschulen; der Termin zur Untersuchung liegt dann in jedem Fall vor dem 15.3., da an diesem Datum die Kindergartenplätze für das kommende Jahr vergeben werden. Die Untersuchung findet in der StädteRegion Aachen immer in einer der Stellen des Gesundheitsamtes statt: in Alsdorf, Eschweiler, Simmerath oder in der Aachener Zentrale an der Trierer Strasse.

Schuleignung: Jedes Kind kommt in die Schule
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Aus dem Screening ergeben sich Therapieempfehlungen, um dem Kind den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu ermöglichen. „Alle Kinder kommen in die Schule, aber welche Schwerpunkte sind in der Förderung des Kindes nötig? Kann es eher visuell oder auditiv lernen? Sind Fähigkeiten weitgehend altersgerecht entwickelt oder braucht das Kind noch eine besondere Unterstützung?“, erläutert Trost-Brinkhues. Kein Kind sei in allen Bereichen gleich weit entwickelt, die Entwicklungsvarianz zwischen den Kindern sei sogar sehr groß. Das ‘normale’ Entwicklungsalter für ein chronologisch 6-jähriges Kind bewege sich „mindestens zwischen 4,5 und 7,5 Jahren – und das dann noch für die verschiedenen Bereiche unterschiedlich.“

Vorläuferfähigkeiten fürs Lernen

Ein Kind, das bereit für die Schule ist, sollte in den Entwicklungsbereichen der psychosozialen und emotionalen, der sprachlichen, motorischen und intellektuellen Entwicklung gewisse Fähigkeiten aufweisen. „Alle Bereiche werden untersucht, insbesondere sogenannte schulische Vorläuferfähigkeiten, wie man sie zum Lesen, Schreiben und Rechnen lernen benötigt“, erläutert Trost-Brinkhues. Dazu gehören etwa serielles Abscannen, also die Fähigkeit, aufeinanderfolgende Reize richtig aufzunehmen und zu verarbeiten, die visuelle Wahrnehmung generell und Konzentrationsfähigkeiten. Auch auditive Merkfähigkeiten, Lautdiskriminationsfähigkeiten, also das Unterscheiden von Lauten und Sprache insgesamt. Aus dem mathematischen Bereich werden die Mengenzuordnung und –vergleiche als Vorläuferfähigkeiten bezeichnet, während fein- und visuomotorische Fähigkeiten, also die Koordination zwischen visueller Aufnahme und Bewegungsapparat, zum Schreiben lernen eine wichtige Grundlage bilden. „Kinder, denen das schwer fällt, brauchen viel mehr Energie und Anstrengungsbereitschaft, um entsprechende Anforderungen zu erfüllen. Sie ermüden schneller, brauchen mehr positive emotionale Zuwendung, sind schneller demotiviert.“ Gute Körperwahrnehmung und Koordinationsfähigkeiten stellten zudem die Basis für viele weitere Lernprozesse dar.

Nach Seh- und Hörtest findet besagtes Screening der Entwicklungsbereiche statt: In Übungen und Spielen hüpfen und balancieren Kinder, sie erkennen Formen, malen ein Bild, erzählen frei, hören zu und konzentrieren sich. Dabei gehe es nicht darum, ob diese Fähigkeiten gut genug sind, „sondern ob sie überhaupt da sind“, so Trost-Brinkhues. Hinzu kämen weiche Faktoren wie die Bereitschaft des Kindes, sich auf die Untersuchungssituation einzulassen, wie viel Bestätigung dazu vom begleitenden Elternteil nötig sei oder ob das Kind sich traue, einen anzusehen.

Die Schuleingangsuntersuchung ist eine bundesweit normierte Untersuchung, die vor allem auf die Entwicklung des Kindes speziell im Hinblick auf schulische Vorläuferfähigkeiten abzielt.Dr. Gabriele Trost-Brinkhues
„Daraus ergibt sich eine Empfehlung, was eventuell noch geleistet werden muss, um dem Kind einen erfolgreichen Start in der Schule zu ermöglichen“, sagt Gabriele Trost-Brinkhues. Zu einem großen Teil basiert die Schuleingangsuntersuchung seit 2009 auf dem „Sozialpädiatrischen Screening für Schuleingangsuntersuchungen“, das die Aachener Medizinerin mitentwickelte und das so in sieben Bundesländern Anwendung findet, in einem weiteren zudem derzeit implementiert wird.

Mindestens 10 Prozent der untersuchten Kinder zeigen eine auffällige Entwicklung. „Statistisch gehen wir davon aus, dass 5 bis 6 Prozent Kinder eine Behinderung, also eine kombinierte Entwicklungsstörung haben, weitere jeweils 5 Prozent weisen eine Entwicklungsstörung in einem der untersuchten Bereiche auf“, erläutert Gabriele Trost-Brinkhues. Das heiße aber nicht, dass sie für die Schule zurückgestellt werden. Vielmehr folgt aufgrund der Untersuchung die Empfehlung einer entsprechenden Diagnostik und Förderung. „In NRW werden Kinder nur aus ‘wesentlichen gesundheitlichen Gründen’ zurückgestellt“, erklärt die Medizinerin. „Letztlich entscheidet aber immer die Schulleitung, welches Kind aufgenommen wird. Aber: Alle Kinder kommen in die Schule!“

Kinder stärken

Auch wenn einige Elemente der Untersuchung an eine große U, die Vorsorgeuntersuchung des Kinderarztes erinnert, gibt es Unterschiede. „Die U ist in erster Linie eine Krankheitsfrüherkennung, die auf körperliche Erkrankungen angelegt ist. Natürlich werden auch Eckpunkte der Entwicklung untersucht, doch sind die Vorgaben hier noch nicht immer standardisiert“, erläutert Trost-Brinkhues. Die Schuleingangsuntersuchung sei hingegen eine bundesweit normierte Untersuchung, „die vor allem auf die Entwicklung des Kindes speziell im Hinblick auf schulische Vorläuferfähigkeiten abzielt.“ Die Programme ähneln sich, in Sachen Entwicklungsdiagnostik ist die Schuleingangsuntersuchung jedoch weit spezifischer.

„Keine Angst, wir sind keine Kontrollettis, wir wollen den Kindern, den Eltern und auch der Schule helfen!“
Macht sie deshalb viele Eltern so nervös? Woher kommt der Druck auf die Eltern und damit auf ihre Kinder? Aus der Gesellschaft, meint Dr. Gabriele Trost-Brinkhues. „Das geht ja schon im Sandkasten los: ‘Mein Kind kann schon …’!“ Entsprechend werden die Schule und ihre Anforderungen auch als Druck wahrgenommen, als erste Leistungsanforderung einer Leistungsgesellschaft, alles können zu müssen. Umso wichtiger sei die Schuleingangsuntersuchung, die lediglich sicherstellen möchte, dass die Kinder ihre individuellen Begabungen und Stärken in der Schule auch nutzen können. Das werde zwar immer noch als Kontrolle empfunden, „niedergelassene Kinder- und Jugendärzten und auch wir betonen aber immer wieder, dass weder eine U-Untersuchung noch die Schuluntersuchung ein ‘Test’ ist, wir wollen gemeinsam den Kindern und Eltern helfen.“

Schuleignung: Jedes Kind kommt in die Schule
Foto: Günter Havlena/ pixelio.de

Schließlich ist die individuelle Förderung der Kinder in der Schule nur bis zu einem gewissen Grad umsetzbar. Wie sollen 25 Kinder einer Klasse individuell gefördert werden, wenn schlicht die Ressourcen fehlen? „Die Gesellschaft sollte lieber sehen, wo die Stärken ihrer Menschen liegen und nicht nur danach schielen, was sie nicht können“, so Gabriele Trost-Brinkhues. Vielleicht würde das den Druck relativieren. Bis dahin möchte die Ärztin ihre und die Arbeit ihrer KollegInnen als Unterstützung verstanden wissen. Die Schuleingangsuntersuchung sei auf die Schule ausgerichtet und auf die Bedürfnisse der Kinder, die darin schließlich den Spaß am Lernen behalten sollen. „Stellen Sie sich vor, in der Schule sitzt ein Kind mit Förderbedarf, der nicht erkannt oder dem nicht nachgekommen wurde, inmitten von fitten Schülern – das bedeutet doch Frust von Anfang an!“ Je früher man bestimmte Störungen der Entwicklung behandelte desto eher ließen sie sich beheben. Und desto „stärker“ und lieber gehen Kinder in die Schule. Daher wiederholt sich Dr. Gabriele Trost-Brinkhues gerne: „Keine Angst, wir sind keine Kontrollettis, wir wollen den Kindern, den Eltern und auch der Schule helfen!“

Da mein Sohn im nächsten Jahr auch eingeschult wird, ging es bei der Recherche zu diesem Artikel auch ein wenig darum, Druck von meinem Sohn und auch von uns als Eltern zu nehmen. Mir hat’s geholfen. Wir waren aber bisher auch noch nicht bei der Schuleingangsuntersuchung … Dieser Artikel erschien ursprünglich in der KingKalli-Ausgabe August/ September 2014. 
Christian machte 15 Jahre lang Musik, nahm Platten auf und tourte durch Europa. Zwischendurch studierte er und nahm die ersten Texterjobs an. Jetzt ist er freier Texter, Autor und Redakteur für Kommunikationsagenturen und Verlage, für Zeitschriften und Magazine, für die öffentliche Hand und Direktkunden, online und offline. Er mag Rhythmus und Prägnanz, Melodie und Relevanz. In Headline, Copy oder Redaktion, im Storytelling und relevantem Content. textass hold 'em.

Ein Gedanke zu “Schuleingangsuntersuchung: „Alle Kinder kommen in die Schule!“

  1. Sehr verehrte Frau Trost-Brinkhues,
    zunächst möchte ich mich vorstellen.
    Ich bin Prof. Dr. Peter Mathes, Internist und Kardiologe, Sohn des Dr. Hubert Mathes, Internist, aus Essen.
    Für unsere Familingeschichte suche ich Verwandte. Die Schwester meiner Großmutter war eine Frau Aenne Brinkhues. Sie hatte zwei Söhne, Heinz Brinkhues, der den Krieg überlebt
    hat, und Heinz-Jürgen Brinkhues, Pilot beim Luftwaffengeschwader Nr. 1, der am 26. April 1945 über Oranienburg bei Berlin abgeschossen wurde und auf dem dortigen Friedhof begraben ist.
    Vielleicht sind Sie verwandt mit Aenne und Heinz Brinkhues? Wenn nicht könnten Sie mir vielleicht weiterhelfen, in Aachen lebende Verwandte zu finden.
    Ich selbst werde am 19. November nach Aachen kommen, zum 70. Geburtstag meines jüngsten Vetters Rolf. Mein Vetter Dietrich Mathes hat das Einrichtungshaus am Dom gegründet, das seine Kinder jetzt betreiben.
    Für Ihre Hilfe möchte ich mich herzlich bedanken und verbleibe mit
    herzlichen Grüßen
    Ihr
    Prof. Dr. med. Peter Mathes

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