Nancy Graves: Kunst zum Erleben und Selbermachen

(c) Christian Dang-anh | Nancy Graves im Ludwig Forum AachenDas Ludwig Forum Aachen stellt mit der aktuellen Nancy-Graves-Ausstellung eine Künstlerin vor, die in ihrem Werk Naturwissenschaft und Kunst zu vereinen wusste. Dass dieses Zusammenspiel nicht nur was fürs Auge ist, sondern auch Kunst erlebbar macht, zeigt sich bei einem Besuch der Ausstellung – besonders mit Kindern. 

„Zuerst muss ich immer darauf hinweisen, dass es im Museum einige Regeln gibt.“ Museumspädagogin Petra Kather hockt mit einigen Kindern vor einem Exponat der Nancy-Graves-Ausstellung. Die letzte Kinderführung an diesem Familiensonntag hat gerade begonnen, und die kleinen Besucher sind nach wie vor zahlreich und neugierig vor Ort. „Was darf man in einem Museum keinesfalls?“ „Anfassen!“, meldet sich ein Junge zu Wort. Ja, lächelt Kather, die Ausstellungsstücke dürfe man nicht berühren. Selber mit anpacken ist aber im Zuge der Kunstvermittlung heute ausdrücklich erwünscht.

Kunstvermittlung auf die Ausstellung zugeschnitten

Denn das Vermittlungs- und Rahmenprogramm der Ausstellung dient schließlich dazu, dem Besucher mehr als einen Weg anzubieten, die Kunst und das Museum zu erleben. Sehen, hören, gestalten – selbst Hand anzulegen, zieht nicht nur die Kinder in den Bann. „Die Besucher sollen Werkzeuge an die Hand bekommen, um sich selbst die Ausstellung zu erschließen. Das kann eine Themenführung für Erwachsene, ein Kunstdialog oder eine Rallye für Kinder“, sagt der Leiter der Kunstvermittlung Holger Otten. Von Beginn der Planung der Ausstellung an „konzipieren wir das Vermittlungs- und Rahmenprogramm Hand in Hand mit den Kuratoren, so dass sich die Werke, Themen, Aspekte der Ausstellung bestens mit den Vermittlungsideen verzahnen.“

(c) Christian Dang-anh | Nancy Graves im Ludwig Forum Aachen

Petra Kather ergänzt: „Graves spricht in ihrer Kunst an, was wir Menschen gerne machen: sammeln, forschen, kombinieren, auswerten.“ Genau in diesem Sinne schnitten Kather, Holger Otten und Museumspädagogin Karoline Schröder ihr Konzept „explizit auf die Ausstellung“ zu. Und das nicht nur für Kinder; Graves’ Themen sind naturverbunden und somit „für Kinder optimal aufgreifbar“, die Idee ihres ‘Kombinatoriums’ als Zentrum der Ausstellung soll aber allgemein den Einzelbesucher ansprechen. Das Erleben der Ausstellung soll auf allen Wegen unabhängig vom Alter funktionieren.

Eigene Eindrücke zum Erlebnis kombinieren

Das Kombinatorium wurde speziell für die Kunstvermittlung errichtet. Es ist ein Raum inmitten der Ausstellung, in dem Besucher die Möglichkeit haben, ein eigenes Schaubild zu erstellen, das auch dort direkt ausgestellt wird. Diese Ausstellung der Besucher unterliegt einem ständigen Wandel, wird aber auch in einem digitalen Lexikon (www.kombinatorium.de) festgehalten, das nach und nach mit den Beiträgen der Besucher gefüllt wird. Kunst erleben durch Partizipation.

(c) Christian Dang-anh | Nancy Graves im Ludwig Forum Aachen

Verschiedene Materialien, die an Exponate der Ausstellung erinnern, und Präsentationsmöglichkeiten geben diesen Besucherbeiträgen ein wissenschaftliches Aussehen und lehnen sich damit an die künstlerische Methodik der Nancy Graves an. Denn in ihrer Arbeit greift sie Darstellungsformen der Wissenschaft auf, um ihre Kunstwerke wie die Exponate einer Naturkundesammlung erscheinen zu lassen. Ihre bekannten Kamelskulpturen sind beispielsweise nicht einfach nur hyperrealistische Nachbildungen von Kamelen, sondern „künstlerischer Ausdruck einer tief gehenden Beschäftigung mit Evolutionsgeschichte und Wahrnehmungspsychologie, mit Bewegungsstudien, aber auch mit Techniken und Materialien“, wie es das Ludwig Forum in der Ankündigung der Ausstellung formulierte.

Doch nicht nur das Kombinatorium regt Kinder zum selbstständigen Erleben der Ausstellung an, auch etwa die Herausforderungen der Kinder-Rallye animieren zu genauerem Hinsehen, zum Fragenstellen und zum Schlussfolgern. Während des gesamten Tages sieht man immer wieder Kinder, die in der einen Hand den Rallyeplan mit den Fragen darauf halten, mit der anderen mindestens einen Elternteil zur nächsten Station der Rallye ziehen. Dort werden dann gemeinsam die Exponate studiert, die Fragen auf dem Rallyeplan beantwortet und die Ausstellung erlebt, die mit mehr als 150 Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Gemälden und Filmen eine Künstlerin zeigt, die sich ständig im Spannungsfeld zwischen Forschung und Darstellung bewegte, zwischen Naturwissenschaft und Kunst. Der natürliche Wissensdrang mal plastisch, mal abstrakt umgesetzt, in ganz eigener Ästhetik und passender Atmosphäre: Alle Objekte der Ausstellung wurden eigens von Künstlerin und Objektdesignerin Barbara Brouwers gesammelt und dem Kunstvermittlungskonzept des aktiven Erlebens entsprechend lebendig und nahbar in Szene gesetzt. „Bezüglich der Auseinandersetzung des Besuchers mit der Kunst im Museum geht es uns darum, dass er nicht einfach mit Informationen überschüttet wird, sondern selbsttätig ist“, sagt Holger Otten. „Er soll kritische Fragen stellen, ein Werk verhandeln und prüfen können.“

(c) Christian Dang-anh | Nancy Graves im Ludwig Forum Aachen

Während der Führung haben die Kinder zugehört, geschaut und diskutiert. Und keins der Exponate angefasst. Umso eifriger sitzen sie nun in der Werkstatt des Ludwig Forums und benutzen ihre Hände, als sie ihre Eindrücke des Tages modellieren. Zum Beispiel in Dinosaurierknochen aus Stöcken, Schnüren und Pappmaché. Ein Erlebnis mit ganz viel Spaß, Kleister und Anpacken.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der KingKalli-Ausgabe Dez. ’13/ Jan. ’14.
Christian machte 15 Jahre lang Musik, nahm Platten auf und tourte durch Europa. Zwischendurch studierte er und nahm die ersten Texterjobs an. Jetzt ist er freier Texter, Autor und Redakteur für Kommunikationsagenturen und Verlage, für Zeitschriften und Magazine, für die öffentliche Hand und Direktkunden, online und offline. Er mag Rhythmus und Prägnanz, Melodie und Relevanz. In Headline, Copy oder Redaktion, im Storytelling und relevantem Content. textass hold 'em.

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